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BLOCHER VOR DER BELEGSCHAFT



              Fritz Hirzel, Erstveröffentlichung. Entstanden 1983/1989


Kammgarnspinnerei Interlaken, 5. Mai 1983. „Die Kammi“, wie

sie die Fabrik hier nennen. Es ist Nachmittag und die

Maschinen stehen still. „Coop hat uns verraten“, sagt eine der

Arbeiterinnen. „Wir kaufen nicht mehr bei Coop.“ Die

„Kammi“ ist die einzige Fabrik am Ort.

      Coop hat die Hälfte der Aktien. Und Coop hat verkauft –

an die Konkurrenz in Bürglen, die Schmid AG in Gattikon. Seit

Wochen leben die Leute der „Kammi“ mit Gerüchten,

Arbeitsstress und Zeitungsmeldungen, die auf eine Liquidation

hindeuten.

      „Wir haben so gekrampft“, sagt eine Arbeiterin.

„Und jetzt das!“

      Christoph Blocher ist gekommen. Er begrüsst

die Betriebskommission mit Händedruck. Er ist

Verwaltungsratspräsident. Ihm – das heisst der Ems Chemie

AG – gehört die andere Hälfte der Aktien. Die

Arbeiterinnen – eingeschüchtert, fast sprachlos – glauben

an Blocher. Man setzt sich.

      Welch ein Bild: Über seinem Kopf hängen

zwei Flinten an der Wand. Blocher weigert sich, die Aktien

auszuhändigen, die Coop gehört haben. Er will nicht

verkaufen, nicht an die Konkurrenz in Bürglen, nicht ohne

feste Garantien.

      Die Belegschaft, zur Betriebsversammlung

zusammengerufen, ist im Halbdunkel versammelt. Die

Arbeiterinnen sitzen schweigend, verunsichert,

wie auf Schulbänken zusammengedrängt. Arbeiter lehnen

bei der Türe an der Wand. Neben mir steht ein

Mechaniker, keine dreissig. Licht fällt von draussen in den

Raum, Nachmittagssonne. Die Stimmung ist

gespannt, bedrückt.

      „Heute bleibt die Betriebsführung von Ems und Coop

unverändert“, sagt Blocher. Die Möglichkeit, mit Bürglen

zusammenzuarbeiten, schliesst er aus. „So eine Partnerschaft

kommt nicht in Frage.“ Dann spricht er die Worte, die

für die Beschäftigten Balsam sind. „Wir müssen einen gangbaren

Weg finden für die Erhaltung der Kammgarnspinnerei

Interlaken.“

      Neben Blocher sitzt Coop-Direktor Leuenberger.

„Erfahre ich über die Schliessung auch zuerst aus der Zeitung?“,

fragt ihn ein Arbeiter.

      „Ich hoffe nicht“, antwortet Leuenberger und bleckt

sein Kennedy-Gebiss. Bei der Kammgarnspinnerei

Bürglen sei man bereit, „die restlichen 50 Prozent zu kaufen“.

Ihm lägen „schriftliche Zusagen“ vor, miit denen der

Käufer eine Weiterführung nach der Übernahme bestätige.

      Wie ernst es um die „Kammi“ steht, macht

GTCP-Sekretär Fritz Gfeller klar, als er Auszüge aus dem Protokoll

des Verwaltungsrates zitiert, die der Gewerkschaft zugespielt

wurden. „Alle da drin haben ein Recht auf die Wahrheit“,

sagt GTCP-Sekretär Dani Nordmann.

      Aus dem Protokoll des Verwaltungsrates geht hervor,

dass Ems und Coop am 17. Februar 1983 Betriebseinstellung,

Liquidation oder Konkurs beschliessen, wenn innert einer

Frist ein Verkauf nicht zustande kommt.

      „Ich bin erschüttert“, entfährt es Direktor Götti.

Erst, als er sich gefangen hat, stellt er fest: „Ich habe Vertrauen

zu Dr. Blocher. Der kann es sich nicht leisten etwas

zu sagen, was er nicht halten kann nachher.“

      Rosmarie Flück, Präsidentin der Betriebskommission,

ist aufgestanden. „Dazu möchte ich sagen, dass wir hier,

auf welcher Basis auch immer, uns auf alle Fälle für unsere

Arbeitsplätze wehren.“

      „Wir da drinnen haben nur ein Interesse,

und das ist die Weiterführung dieses Betriebs!“ ruft unter

Applaus der Personalchef in die Kantine.

      Blocher spricht. Er steht im Gegenlicht am

Vorstandstisch, den man entlang der Gardeobenschränke

aufgestellt hat. Hinter Blocher, gut sichtbar durch die

Fensterwand, fährt mit leerem Deck lautlos ein Ausflugsschiff

vorbei. Das Schiff ist abgefahren... Ich drücke auf den

Auslöser, einmal, zweimal – im Raum ist‘s so verdammt still,

dass man‘s überall hören kann und Blocher, kaum ist

Schluss mit der Betriebsversammlung, sich auf mich stürzt.

      „Ihr verdammten Journalisten!“ Er hat die

Pfeife nicht angezündet.

      „Herr Blocher“, sage ich. „Sie wissen doch gar

nicht, was ich schreiben werde.“

      Er schaut mich an, dickköpfig, seine Bubenaugen

verblüfft. Und geht mit der Mappe ab. Wortlos, die Pfeife

in der Hand.

      „Er ist abgefahren.“ Nordmann lacht. „Mit Rolls

Royce und Chauffeur.“ Wir stehen im Büro von Direktor Götti.

Er hat uns zum Cognak eingeladen – drei Sekretäre und

einen Journalisten der GTCP. Aufgekratzt, wie Götti ist, fragt er:

      „Warum kauft ihr den Laden nicht?“

      Nordmann, mit Betriebsschliessungen der

Textilindustrie eingedeckt, winkt ab.

      Das Lärmgebrause der Spinnereimaschinen

hat eingesetzt. Frau Schmucki rollt mit Wucht die

Fässer, die mit Garn gefüllt sind. Sie dreht sich. Sie lacht,

als ich eine Foto mit ihr mache.

      Die „Kammi“, die über 10 000 Spindeln verfügt, hat 115

Beschäftigte. Sie ist zur Zeit voll ausgelastet.


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