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ALLERHEILIGEN IM EBER



               Fritz Hirzel, Allerheiligen im Eber,

               TagesAnzeiger, Zürich, 1. November 1984.


Es war wieder etwas. Eine Schlange schleppte sich zweispurig

vom Escher-Wyss-Platz her über die Autobahnbrücke.

Nein, das war nicht der Stossverkehr wie jeden Abend. Zu spät.

Das konnte es nicht sein. Es war wieder etwas. Eigenartig,

die Nummernschilder, die wir in der Kolonne vor und neben uns

erblickten. Lauter Innerschweizer. Das musste es sein.

Irgendein katholischer Feiertag, der die Innerschweizer zuhauf

nach Zürich gebracht hatte. Ladenschluss!

      Jetzt fuhren sie mit den Einkäufen nach Hause. Die

Westtangente war bis zum Hardplatz blockiert wie nach Schluss

eines Grossanlasses. Und wir steckten in der Kolonne

ebenfalls fest. Ungerecht, wo wir doch bloss zum Eber

hinausgewollt hatten, zur Beiz beim Schlachthof.

      Wir hatten gerade Messer und Gabel ergriffen, da legte der

Mann los. Unablässig, dieselbe Tirade. Es liess ihn nicht

los. Er war ein kleingewachsener, robuster Fünfziger, der aus

dem Abort zurückgekommen war und jetzt mit uns am

Tisch hockte. Natürlich, er war betrunken, das erklärte manches.

Und heute hatte er seinen besonderen Tag – gotteslästerlich,

wie er „ausrief“, dass jeder Ungläubige zusammenfuhr.

      Henri Michaux (in einer alten Nummer der Zeitschrift

„Freibeuter“, „Ein Weg zum Ungehorsam“ hiess die Arbeit) schrieb:

„Sobald ein bis dahin frommer Mann der Gottesanbetung

überdrüssig wird, setzt bei ihm das blasphemische Denken ein.

Dabei bleibt er. Er versucht, dabei zu bleiben. Der Mann

von der Strasse dagegen entlastet sich (eben dort, wo er zu Hause

ist: auf der Strasse) durch Worte, durch Gotteslästerung,

durch schändliche, herabwürdigende Schmähungen und Flüche

aller Art vom Druck der Gottesverehrung, die er nicht

mehr erträgt.“

      Beruhigen konnte der Mann sich nicht, aber irgendwann

kam aus der Küche, unerschüttert, im Schurz, der Wirt,

setzte sich zu ihm und sagte:

      „So, tust dich wieder engagieren!“

      Irgendwie war mir noch, als hätte ich das letzte Wort

in anderem Zusammenhang schon gehört, aber da machte ich

mir vielleicht etwas vor.


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